Scorpion Galerie

für Kunst + Objekte

Pause in der

Barmbeker Straße 9

D-22303 Hamburg-Winterhude

galerie-scorpion@web.de

www.scorpion-galerie.de

Tel.: +49 (0) 173 4579459

Öffnungszeiten:

Di., Mi., Do. 12-18 Uhr

und nach Vereinbarung

Herzlich willkommen in der Scorpion Galerie für Kunst + Objekte

VIII. Scorpionnale 2019 "CW in SG"

VIII. Scorpionnale 2019 "CW in SG" Fotografie. CW =  Charly Wüllner, SG = Scorpion Galerie. Charly Wüllner hat seine Arbeiten schon ein paar mal in der Scorpion Galerie gezeigt. In der Online-Ausstellung finden Sie einige Fotos, die Charly Wüllner und seine Arbeiten zeigen. Charly Wüllner ist einer der bedeutesten hamburgischen Künstlern - Bitte sehen Sie in Wikipedia nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Charly_W%C3%BCllner. Er ist auch Kunstbeutelträger in 2016. Unter: (http://www.kunstbeutel-hamburg.de/) kann man diese Information lesen:

 

„Charly Wüllner (*1939) ist lange Zeit CW gewesen, Label und Trademark, mit dem er vorwiegend in den 1980er Jahren in der Öffentlichkeit präsent war. So als er (Öffentlichkeit meinte damals etwas anderes) sein “Evolutionsbüro” auf dem “Marktplatz” projektierte (Ausstellung “Dorn im Auge”, Woche der bildenden Kunst 1982), mithilfe von Brettern und seiner ihm eigenen Verwendung einer Schreibschrift. Seine Intentionen und die seines Umfeldes in jener Zeit können hier nicht referiert werden – nur soviel, dass Wüllner immer eine etwas beobachtende Position am Rand einnahm, wurde doch in seinem Werk nicht zu unrecht eine gewissen Ironie vermutet. Es ist immer Schrift und Bild zugleich, was er verfolgt hat, damals noch in der Form absichtsvoll objektivierender Betrachtungen. Zumindest diese einmal intendierte “möglichkeit und notwendigkeit einer fortgesetzt-schöpferischen haltung” ist er bis heute gerecht geworden. Im Jahr 2007 war im Kunsthaus die ausgedehnte Ausstellung “Die Hamburger Papiere. Die Geistesgegenwart derv Zivilisation” mit über 1.000 Einzelblättern zu sehen.

 

Mit kurzen Sottisen, Fragmenten und Anmerkungen versehene A4-Bögen stellt er bis heute zu Bilderfriesen zusammen. Da die Bögen auch mit gezeichneten Linien versehen sind, ordnet er diese exakt zu symmetrischen Wandbildern zusammen. Aber es gibt – unabhängig vom Text – immer eine Mikrostruktur dabei, nämlich zarte Umrisszeichnungen, deren Ansatz an Romantiker wie Runge erinnert. Er schafft so Bilder, die eher zurückhaltend im Duktus, deren Mehrschichtigkeit sich erst im Schauen erschließt.

 

Aktueller Hinweis: “Ein prächtiger Grundstein / verspricht seinem Erdteil / ein äußerst festes Einkommen”, so einer seiner kurzen Texte in seiner aktuellen Ausstellung, die noch bis zum 29. September unter dem Titel “Café Paradox” in der kleinen Galerie Scorpion in der Barmbeker Straße 9 (www.scorpion-galerie.de) zu sehen ist.“

 

„Ritas andogrüne Modelust“

 

Zeichnungen & Polaroidarbeiten von

 

CHARLY WÜLLNER

 

ERÖFFNUNGSREDE von Erica Lotockyj

 

 

 

 

 

Liebe Kunstinteressierte, lieber Charly und liebe Mariola,

 

ich begrüße Sie herzlich zur neuen Ausstellung der Werke von Charly Wüllner in der Galerie Scorpion.

 

Als der Prospekt „Kunst in Hamburg“ vor einigen Wochen gedruckt werden sollte, wurde die Galeristin von einem aufmerksamen Lektor kontaktiert, da er befürchtete, dass bei der Übertragung der Daten zur April-Ausstellung ein Fehler unterlaufen sei. „Müsste es denn eigentlich nicht androgyn heißen?“, war seine berechtigte Frage. Und schon befinden wir uns mittendrin in der verwirrungstiftenden Schau: „Ritas andogrüne Modelust“.

 

Wenn wir einer fremden Person begegnen, prüft unser Wahrnehmungsapparat meist unbewusst zuallererst ihre Geschlechtszugehörigkeit. Binnen Millisekunden ordnen wir diesen Menschen in die Kategorie Mann oder Frau ein und passen unser Verhalten daraufhin dieser Person gegenüber an. Ganz unabhängig davon, wie sympathisch uns dieser Mensch erscheint, werden wir nach bestimmten Mustern geschlechtsabhängig mit dieser Person kommunizieren. Was aber macht uns so sicher, dass unser Gegenüber eine Frau oder ein Mann ist? Woran machen wir diese auf Äußerlichkeiten beruhende Beurteilung fest? Es gibt unterschiedliche kulturabhängige geschlechtstypische Merkmale – neben beispielsweise Frisur, Gestik, Accessoires, Schminke oder Parfüm gehört die Kleidung zu den wichtigsten Indikatoren. Kleidung ist nicht nur eine künstliche Hülle, mit der der Mensch seinen Körper zum Schutz vor belastenden Umwelteinflüssen (Regen, Wind, Kälte etc.) umgibt. Die Bekleidung dient einer Gesellschaft darüber hinaus als Zeichen und nonverbales Kommunikationsmittel. Mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen steht dem Individuum ein breites Spektrum an Signalen zur Verfügung, mit denen es zum Beispiel seine Individualität betonen oder eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit unterstreichen kann. Obwohl die primären Geschlechtsmerkmale (Vagina, Penis) in der Regel in der Öffentlichkeit verhüllt sind, scheinen die Unterschiede durch die kulturell geprägten Zeichen ersichtlich zu sein.

 

Die Geisteswissenschaften bezeichnen heutzutage mit dem Begriff „Gender“ das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person. Gender umfasst alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht verstanden wird (Kleidung, Beruf usw.). Es wird zwischen Gender und dem biologischen Geschlecht unterschieden, also zwischen einem kulturellen Konstrukt und den biologisch-anatomischen Gegebenheiten. In unserer westlichen Kultur dominiert dabei die Vorstellung eines dichotomen Geschlechtermodells, das nur die Kriterien männlich / weiblich zur Geschlechter­beschreibung zulässt.

 

„Andogrün“ ist eine der vielen Wortschöpfungen von Charly Wüllner. Sie basiert, wie er beschreibt, auf einer subjektiven Drehform des Wortes androgyn - das männliche und weibliche Merkmale Vereinigende - und grün - die Farbe des politisch Alternativen. Wie kompliziert die Wüllnerische Wortverdrehung ist, zeigt sich übrigens nun doch auch in dem bereits erwähnten Kunstflyer. Es ist tatsächlich nicht gelungen den Titel richtig zu übernehmen.

 

Der Künstler spricht von einer „andogrünen Energie als fließendes Thema: Betonung der Männlichkeit im weiblichen Stoff und Betonung der Weiblichkeit im männlichen Stoff“. Sein kreativer Umgang mit Sprache zeigt sich in den Texten, die er begleitend zu „Rita“ verfasst hat. Sie sind meist poetischer Natur und untermalen eine „Liaison Culturelle“ - eine kulturelle Liebesbeziehung - zueinander. Es ist kein Zufall, dass sein Werk einen literarischen Bezug hat, schließlich erhielt CW als Autor im Jahr 1990 den Literaturförderpreis Hamburg.

 

Im Mittelpunkt der hier gezeigten Ausstellung steht die Kunstfigur namens „Rita“. Sie begegnet uns in Bleistiftszeichnungen und Polaroidarbeiten, die zwischen den Jahren 1998 – 2008 entstanden sind. Meist sehen wir Rita in einem Schaufenster stehend. Sie wird in einem Ausschnitt präsentiert, der den Körper vom Hals bis oberhalb der Knie zeigt. Die Stoffe umhüllen ihn luftigleicht bis durchsichtig und gleichsam auf dem Penis schwebend. Wir bekommen die unterschiedlich farbige und formverschiedene andogrüne Kollektion in diversen Varianten vorgeführt. Wir sehen Rita in kurzen oder langen Kostümen, im Netzgewand, in Dessous, geleitet von einer systematischen Ordnung. Die Bildszenen sind jahresweise in Kapitel unterteilt, die unterschiedliche Themen aufweisen. So beispielsweise „RITA MODE – der andogrüne Geist, RITA KÖRPER – Dessous et Accessoires, RITA PLANET – der andogrüne Tanz“ oder „RITA GESTALT – das andogrüne Entwerfen, RITA CHIFFON – das andogrüne Erleben, RITA GEFÜHL – die andogrüne Energie“.

 

Im Flur sehen Sie in einer den „Hamburger Quintetten“ zugehörigen Werkgruppe, wie der Künstler zeichnerisch einen Kleiderwechsel performiert: CW ist hineingeschlüpft, -gefühlt, -geformt, -getaucht und -getanzt in Rita. Kostümierung und Maskerade dienen dem Spiel mit einer anderen Rolle, wobei meist die „reale“ Rolle ausgeblendet wird. Hier aber legt der Künstler sein biologisches Geschlecht nicht ab, er schlüpft nicht ausschließlich in die weibliche Rolle durch Tragen der in unserer Kultur weiblich konnotierten Kleidung (Gender) hinein, sondern vereint vielmehr diese beiden zu einer neuen Dimension. Er bleibt dabei dem biologischen Geschlecht treu, indem er zugleich seinen Penis präsentiert. Durch seine konsequente Darstellung des primären männlichen Geschlechtsteils umhüllt mit einem als „weiblich“ konnotierten Kleidungsstück, scheint der Künstler mit den Geschlechtern zu jonglieren.

 

Das Flatterhafte, das Erotische in seinem Werk ist ein wesentlicher Teil einer inszenierten Modenschau der Geschlechter. Sie gleicht einer Aufführung eines musikalischen Stücks, bei der die Linie die Melodie wiedergibt, dirigiert durch den Stift. Der Tanz, die Bewegung wird simuliert durch den Perspektivenwechsel der Aufnahme. In der Bildfolge ist der Penis mal rechts, mal in der Mitte oder Links vom Ausschnitt zu sehen. 

 

Sie alle kennen bestimmt die berühmte Zeichnung „Der vitruvianische Mensch” von Leonardo da Vinci, bei der sich ein Mensch mit ausgestreckten Extremitäten in zwei überlagerten Positionen sowohl in einem Kreis als auch in einem Quadrat befindet. Mit dieser Skizze verbildlicht Da Vinci die These des Vitruvius, dass sich der aufrecht stehende Mensch in diese beiden geometrischen Formen einfügen lässt. Die Theorie des wohlproportionierten Menschen beruht auf dem idealen Verhältnis der Körperteile zueinander: Die Idee nach Vollkommenheit, als geschlossenes, harmonisches System.

 

Wüllner scheint dieses althergebrachte Bild dekonstruieren zu wollen. Zwar bekommen wir Rita meist in einer quadratischen, schaufensterähnlichen Form präsentiert. Diese quadratische Form wird jedoch durch Linien, die zum Papierrand führen, aufgebrochen. Auch präsentiert er uns das Vollkommene nicht mehr als körperliche Einheit, sondern als ein Puzzle von Bruchstücken: Der Betrachter wird meist mit einem Torso und nicht mit dem kompletten Körper konfrontiert. Was ist das Idealbild von Geschlecht? Durch seine konsequente Fortführung der diversen Rita Bildszenen scheint der Künstler auf einer obsessiv wirkenden Suche nach der idealen Geschlechterformel zu sein.

 

Das Idealbild der menschlichen Schönheit ist keine absolute Größe, sondern besteht aus der Beziehung einzelner Teile zueinander. Wie sieht aber nun das Idealbild von Geschlecht aus? Wüllner präsentiert uns Rita meist als Torso – stets im Quadrat und ausschnitthaft. Ein unentwegtes Zusammensetzen der Teile, das immer wieder neue Varianten hervorbringt.

 

Rita steht für Befreiung und Loslösung der geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Normen: der Torso als Metapher für einen nicht abschließbaren Prozess. „Ihre Vollkommenheit liegt jenseits der die Geschlechter voneinander trennenden Differenz.“

 

Ich wünsche Ihnen allen anregende Gespräche und viel Spaß mit „Ritas andogrüne Modelust“.

 

 

 

© Erica Lotockyj, 2008

 

Hier die Ausstellung: VII. Scorpionnale 2018 "20" Fotografie Teil 1+2

31. Oktober 2018 bis 30. April 2019